Friedenspreise als Trostpreise

Stimmen der Ernüchterung. Der Beitrag wurde als Kommentar zu den Friedenspreisverleihungen im Oktober 2025 verfasst (Friedensnobelpreis, Friedenspreis des Deutschen Buchhandels)

Robert Heim

10/1/2025

In diesem Jahrzehnt sieht die Weltlage nicht so aus, als stünde ein längerer Friede bevor. Abschreckung und Aufrüstung sind neueste Gebote der Zeit. Militärexperten der Nato werweißen über den Zeitpunkt am Ende dieser Dekade, zu dem Russland die Bündnisgrenzen mit mehr als Drohnen und kurzen Luftraumverletzungen testen und damit im Einklang China Taiwan angreifen könnte. Reale und gefühlte Bedrohungen beherrschen den Zeitgeist und die Zeitgeschichte. Für die Generationen des 20. Jahrhunderts, die als Kinder und Erwachsene dessen Brüche, Traumata und ihre Folgen verarbeiten mussten und nun ihr Alter erreichten, rückt ein dauerhafter Weltfriede in unerreichbare Ferne. Vor dem laufenden Tribunal der historischen Vernunft ist man sich einig: Friede ist ein mehr oder weniger langes, passageres Intermezzo zwischen Kriegen. Und eine «regelbasierte», im Völkerrecht juristisch kodifizierte und von der UNO diplomatisch gehütete Weltordnung ist ein zerbrechliches Gebilde von Institutionen, die auf Länge und Dauer dieses Intermezzos einen begrenzten Einfluss ausüben.

Diese Fragilität der Institutionen eines Rechtsstaates oder eines weltweit verbindlichen Völkerrechts hat ihre Ursachen in einer unauflösbaren Spannung zwischen Recht, Regel und Gewalt. Begriffen werden kann diese Spannung nur, wenn man Recht als sublimierte Gewalt in Betracht zieht, die in ihrer offenen oder latenten Virulenz unausrottbar ist. Gegen eine Geschichtsphilosophie, in der sich Geist, Vernunft, Staat, Macht, ein universelles Wissen, schließlich eine regelbasierte Weltordnung in einem einmütigen Frieden die Hände reichen, polemisierte noch mitten im Kalten Krieg 1971 der französische Philosoph Michel Foucault in einer Hommage an den Hegelianer Jean Hyppolite (Nietzsche, die Genealogie, die Historie). Welthistorisch zeigt das Pendel zwischen Krieg und Frieden eine wiederkehrende Schlagseite zu Ersterem, Regelwerke und Friedensordnungen schlagen beharrlich in die Anarchie des Krieges um.

Für Foucault blieb jeder Wunsch, der allgemeine Krieg werde sein Ende finden, sich in seinen inneren Widersprüchen erschöpfen, damit die Gewalt überwinden und den Gesetzen eines zivilen Friedens weichen, fromm. Die Menschheit schreite nicht einfach von Kampf zu Kampf in Richtung einer universellen Gegenseitigkeit voran, in der sich humanitäre Regeln endgültig anstelle der verwüsteten Orte des Krieges setzen. Ein Ende der Geschichte war nie in Sicht. Vielmehr verankere die Menschheit ihre Gewaltsamkeiten in Regelsystemen und bewege sich lediglich von Herrschaft zu Herrschaft. Fast schon prophetisch, nämlich im Hinblick auf heutige Autokraten wie Putin und Xi Jinping, mit denen der Neoliberalismus seinen Wandel durch Handel betrieb und weiter betreibt, nimmt sich Foucaults nächstes Argument aus: Das «große Spiel der Geschichte» gehöre dem, der sich der Regeln bemächtige, aus ihnen seinen Nutzen ziehe, sich maskiere, um sie in ihr Gegenteil verkehre und sie gegen ihre Schöpfer wende. Genau in diesem Sinne haben sich heutige Autokratien der regelbasierten Weltordnung bedient, sie – wie China – wirtschaftlich überlistet oder – wie Russland – militärisch angegriffen. Foucaults Ehrung von Hyppolite enthält eine deutliche Hommage an Nietzsche, dessen genealogisches Denken – Moral und Ethik als sublime Reaktionsbildungen auf Grausamkeit – er gegen Hegels idealistischen Geschichtsoptimismus aufbietet. Das Narrativ von Aufklärung und Moderne, der unaufhaltsame Fortschritt zum wünschbaren Ziel einer geregelten universellen Gegenseitigkeit in Freiheit, Sicherheit und Frieden, wird angezweifelt; das Recht des Stärkeren wird die Stärke des Rechts immer wieder herausfordern. Foucault blieb auf den Spuren Nietzsches, denn dieser war es, der in den 1880er Jahren mit dem Nihilismus eine neue Epoche heraufbeschwor – «Äußerlich: Zeitalter ungeheurer Kriege, Umstürze, Explosionen. Innerlich: immer größere Schwäche des Menschen», und: «es wird Kriege geben, wie es noch keine auf Erden gegeben hat». Meist sind diese Kriege auch «Geisterkriege»: Kriege um die ideellen Grundlagen und Normen einer Zivilisation, die jederzeit in Barbarei umschlagen kann.

Nietzsche sollte für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts Recht behalten. Heute ist wieder offen, wem das große Spiel der Geschichte gehören wird. Es lag im letzten Jahrhundert in den Händen von Diktatoren, aber ebenso in einer Nachkriegsordnung, deren Grundwerte Freiheit, Demokratie, Rechtsstaat und Wohlstand für alle bildeten. Dieser Universalismus ist bereits wieder Geschichte, jedenfalls muss um ihn mit geschwächten Kräften gerungen werden, und ein ewiger Friede bleibt in menschlichen Zeitbegriffen logischerweise wohlgemeinte Fiktion.

In Deutschland, in einem Land, das sich nach dem 2. Weltkrieg mentalitätsgeschichtlich auf den Pazifismus eingeschworen hat, machten sich zwei prominente Stimmen der Öffentlichkeit gegen die Illusion dauerhafter menschlicher Friedensliebe geltend. Bittere Ironie, dass beide Stimmen anlässlich der Ehrung mit einem Friedenspreis die Ambivalenz dieser Liebe betonen mussten: Hans Magnus Enzensberger 1993 in Osnabrück, Alexander Mitscherlich 1969 in Frankfurt. Enzensberger beschließt seine Dankesrede, überarbeitet erschienen in Aussichten auf den Bürgerkrieg (1993), mit einer sarkastischen Auslegung des Sisyphos-Mythos, den Albert Camus noch 1941 zu einem glücklichen Helden des Absurden stilisierte. Enzensbergers Sisyphos dagegen blieb unglücklich. Denn es soll dem Helden gelungen sein, den Tod zu fesseln und damit auch dem Töten ein Ende zu bereiten. Das musste gegen den Strich von Ares, dem Kriegsgott, gehen, der für seine Legitimation den martialischen Tod natürlich brauchte, diesen befreite und ihm Sisyphos auslieferte. Doch der kluge Held entwand sich ihm, kehrte zur Erde zurück und wurde dort ein alter, aber mit einer schrecklichen Strafe beladener Mann: Der Stein musste nicht nur immer wieder hochgerollt werden, dieser Stein war nun der Friede selbst. Für Enzensbergers scharfen Blick auf das neue Weltgeschehen Grund genug, das Zeitalter «gehegter» Kriege zwischen Staaten und Nationen durch die Ära «molekularer Bürgerkriege» abzulösen: Alltägliche Gewalt, extremistische Anschläge, Terrorismus, religiöser Fundamentalismus, Dschihadismus, neue Stammes- und Bandenkriege, ethnische Konflikte, Kriege auf dem eigenen Territorium. Allesamt für Enzensberger, so sein Wink an die psychologischen Disziplinen, letztlich Kriege eines autistisch gewordenen Ich, dessen eigener Tod absehbar ist, weil es den Anderen, den es hasst, vernichten muss und damit seinen eigenen Spiegel der Anerkennung zerschlägt. Nur konnte Enzensberger 1993 nicht voraussehen, dass es spätestens mit dem Ukraine-Krieg und dem Gaza-Krieg zu einer neuartigen Fusion von gehegten und molekularen Kriegen gekommen ist.

Seinerseits des Gefälles zwischen Geist und Macht gewiss, richtete sich Alexander Mitscherlich, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 1969, an sein Publikum. Der Frankfurter Psychoanalytiker kannte natürlich Sigmund Freuds einschlägige Schriften, im Besonderen den markanten Schluss von Zeitgemäßes über Krieg und Tod aus dem Jahr 1915: Die Abwandlung des altrömischen Strategen Flavius Vegetius, «Wenn du den Frieden erhalten willst, so rüste zum Kriege», zur Maxime «Wenn du das Leben aushalten willst, richte dich auf den Tod ein». So musste sich auch Mitscherlich unweigerlich fragen, «ob und wann man für den Frieden kriegerische Mittel einsetzen dürfe (…) Denn Frieden fällt uns nicht in den Schoß». Das gilt heute erst recht wieder, und jede Friedensforschung muss Macht und Gewalt menschlicher Destruktivität und Selbstdestruktivität in Rechnung stellen, die die Statik eines befristeten Friedens immer instabil halten werden. Mit Freud im Rücken bleibt für Mitscherlich im Zeitgeist von 68 und seiner Vietnam-Proteste jede Friedensliebe ein dünnes Pflaster auf den Wunden von Kriegen: Ein Blick auf den Erdball genüge, um den Friedenspreis als «Trostpreis für Erfolglosigkeit» zu verstehen. Oder es werden damit gar, so Mitscherlich heiter, Narren prämiert, die wider alle Erfahrung von friedlichen Konfliktlösungen zwischen Menschen überzeugt sind.

Einem resignativen Einverständnis mit solcher Erfolglosigkeit wollte sich 1795 schon Immanuel Kant widersetzen. Auch für ihn war in seiner Schrift Zum ewigen Frieden diese Ewigkeit, den Titel hat er der satirischen Inschrift auf einem Wirtshausschild mit einem Kirchhof entnommen, nur in der Grabesruhe zu finden. Doch muss ein pazifiziertes Zusammenleben in menschlichen Zeitdimensionen zumindest diskurswürdig sein. So blieb sein rechtsphilosophischer Versuch, rationale Bedingungen eines Friedens zwischen Menschen, Völkern und Nationen zu klären, eine aufgeklärte Mahnung, immer das Memento mori vor Augen zu halten. Das aber war genau Freuds Quintessenz in seiner eigenen Erörterung von Krieg und Frieden.

Kants Friedensschrift hatte 1932 ein fernes Echo in einem Dialog zwischen Albert Einstein und Freud über die ungelösten Fragen nach Ursachen und Verhütung von Kriegen. Einsteins Vorlagen waren im Wesentlichen: «Gibt es einen Weg, die Menschen von dem Verhängnis des Krieges zu befreien? (…) Im Menschen lebt ein Bedürfnis zu hassen und zu vernichten». Freuds Antwort zeichnete sich bereits 1915 ab: An eine Abschaffung von Kriegen ist nicht zu denken, weil die Existenzbedingungen der Völker zu verschieden und die «Abstoßungen unter ihnen» zu heftig seien. Das war schon damals und ist heute erst recht für jeden Pazifismus eine Provokation mit desillusionierender Schärfe, die Unlust bereitet. Für den Wiener Skeptiker einer täuschungsanfälligen menschlichen Natur empfehlen sich Illusionen deshalb, weil sie anstelle von Unlustgefühlen Befriedigungen vorgaukeln. Vielmehr sei klaglos hinzunehmen, dass die Illusionen irgendeinmal am Fels der Wirklichkeit zerschellen. Irgendeinmal aber ist heute wieder.

Freud hielt seine Antwort an Einstein in einem noch schärferen Ton der Enttäuschung über die Kultureignung und Friedfertigkeit des Menschen als 1915 in Zeitgemäßes über Krieg und Tod. Der Bindekraft eines weltlichen Eros, die von der Sexualität über die sozialen Ligaturen von Familie, Institutionen und Rechtsstaatlichkeit bis zum Völkerbund und zur späteren UNO reicht, stehen immer die Großmächte von Aggression, Destruktion und Selbstvernichtungstrieb gegenüber. Freuds Trost lag lediglich in einer konstitutionellen Intoleranz gegen den Krieg – und zwar «bei uns Pazifisten», zu denen er nicht nur sich und Einstein zählte, sondern in diesem Plural eine illusionslose pazifistische Gesinnung meinte, die um ihre Zerrissenheit und Ambivalenz weiß. Vor allem sollte sie einen Rechnungsfehler bedenken: Der Versuch, reale Macht durch die Macht der Ideen zu ersetzen, ist für Freud zum Scheitern verurteilt. Es sei ein Fehler in der zivilisatorischen Gesamtrechnung, wenn man nicht berücksichtige, dass Recht ursprünglich rohe Gewalt war und zu seiner Stützung wiederum der Gewalt nicht entbehren könne. Aber Recht ist wie das Heilige nur die sublimierte Höhe einer elementaren Gewalt, gegen die eine pazifistische Gesinnungsethik allein nie ausreichend schützt. Krieg ist die extremste Krise dieser Sublimierung, die an ihrem katastrophalen Ende in Trümmer und unzählige Tote zerfällt.

Auch am Recht bleibt eine Blutspur roher Gewalt haften; als kostbares zivilisatorisches Gut bleibt es verletzlich und von dieser Gewalt jederzeit bedroht. Krieg ist Gewalt, die durch Recht gezähmt werde muss und nach Gerechtigkeit und Wiedergutmachung ruft. In einer Genealogie des Rechts weist Freud nach, dass Recht und Gewalt keine Gegensätze bilden, sondern das eine aus dem anderen hervorgegangen ist. Sie bilden vielmehr eine explosive Symbiose. Er rekonstruiert die evolutionäre Entwicklungslogik von der stärkeren Muskelkraft in der archaischen Menschenhorde über das raffiniertere Werkzeug bis zur Waffe, die erst die Tötung eines Feindes ermöglicht. Aus Montaignes Essay Philosophieren heißt sterben lernen ist die Sentenz überliefert, wir sollen uns angesichts des Todes zusammenreißen und einfach die Muskeln spannen. Seine Ironie, die Muskeln anzuspannen, wenn man sich mitten im Leben auf den Tod einrichten möchte, gewinnt in Freuds Genealogie einen düsteren Doppelsinn: In seinen Materialschlachten ist der Krieg eine mit Waffengewalt operierende technische Prothese angespannter Muskelkraft, die nicht sportlich ein befristetes Leben gut erhalten möchte, sondern Tod und Vernichtung bringt. Tröstlich bleibt, dass in diesem binokularen Blick auf die Welt immer ein Auge zugedrückt werden kann, um mit dem anderen die Realität umso klarer zu erkennen.