Am Zauberberg
Rolf Haubl – Fragmente einer Erinnerung
Robert Heim
7/30/2025
Gleichwohl ist der Gedanke, der Tod sei das schlechthin Letzte, unausdenkbar. Versuche der Sprache, den Tod auszudrücken, sind vergebens bis in die Logik hinein.
Theodor W. Adorno
Negative Dialektik (1966)
Wie so oft im Wissenschaftsbetrieb begegnet man sich erstmals auf dem Papier – man stößt auf einen Namen auf Büchern oder in Zeitschriften, nimmt eine Kurzvita zur Kenntnis und stellt gedankliche Verbindungen zur eigenen Arbeit her. Lange vor der digitalen Revolution nahm man zuweilen auch schon brieflich Kontakt mit einem Autor auf, der sich mit den eigenen Themen beschäftigte. Als ich noch in Zürich Rolfs frühe Arbeit zur Kulturgeschichte des Spiegels entdeckte, dachte ich mir, er müsse sicher das Spiegelstadium Jacques Lacans kennen, mit dem dieser den Freud’schen Ich-Begriff zwischen 1936 und 1949, historisch gesättigt durch Faschismus, Zweitem Weltkrieg und Holocaust, radikalisierte.
Es blieb bei den Phantasien zum Autor, bis es 2002 zu einer ersten flüchtigen Begegnung kam. Unser Weg kreuzte sich mit einem gegenseitig respektvollen »Hallo« auf einem langen Flur in den Räumen des Frankfurter Campus Westend anlässlich einer Tagung zum 80. Geburtstag Alfred Lorenzers, der die Teilnehmer aus seinem italienischen Alterssitz noch grüßen ließ, bevor er wenig später starb. Als sich Rolf in einer Intervention auf Jean Laplanche bezog, sagte ich mir, der neue Direktor des Sigmund-Freud-Instituts im Ressort Psychoanalyse und Gesellschaft werde seine schwere Aufgabe mit einer guten Kenntnis der französischen Psychoanalyse antreten.
In diesen Jahren trat er der Arbeitsgruppe Psychoanalyse – Gesellschaft – Kultur bei, die das Erbe der Tagungen zur Politischen Psychologie am SFI übernahm, sich zweimal im Jahr traf und mit Publikationen zur psychoanalytischen Sozialpsychologie und Alexander Mitscherlich hervortrat. Zudem war die Arbeitsgruppe beteiligt an der Gründung der GfpS. Kollegiale Geselligkeit hatte in ihr eine hohe Bedeutung, man traf sich nicht nur am SFI, sondern ebenso an den Wohnorten von Mitgliedern der Gruppe – in Wien bei Johann Schülein, in Zürich bei Emilio Modena, in Berlin bei Angelika Ebrecht-Laermann, in Gießen bei Hans-Jürgen Wirth, in Hofheim bei Hans-Joachim Busch oder in Offenbach bei mir.
Wer sich wissenschaftlich mit den paradoxen Fügungen der »ungeselligen Geselligkeit« (Immanuel Kant) beschäftigt, schätzt den unschlagbaren Wert der Gastfreundschaft. So kam es, dass sich zwischen 2006 und 2012 Rolf, Hans-Joachim Busch und ich mit unseren Frauen abwechselnd in unseren Domizilen zu einem Essen einfanden. 2006 war das deutsche Fußball-Sommermärchen gerade vorbei, und mit Rolf, dem Sportsgeist – Weitsprung, Fußball, Fairness –, sprachen wir über die legendäre Kopfnuss Zinédine Zidanes im Finale gegen die Brust eines italienischen Verteidigers, der rückwärts hinfiel. Hier übrigens, im Berliner Olympia-Stadion, haben Rolfs Spiegel einen historisch signifikanten Ort, in dem sich eine andere Linie kreuzte: 1936 suchte Lacan nach einem internationalen psychoanalytischen Kongress in Marienbad aus Neugier die Olympischen Spiele auf, um Anschauungsmaterial für sein stade du miroir, sein Konzept des Spiegelstadiums, zu finden. Dass im stade du miroir selbstverständlich ein Stadion enthalten ist, geht in der deutschen Rezeption gerne vergessen. Wenn das Ich in diesem Stadium/Stadion immer nur seine Runden dreht, also um sich selbst und sein imaginäres Alter Ego kreist, gerät es in einen paranoiden Sog und wird zur Brutstätte des destruktiven Narzissmus.
Das feine Ritual versandete leider. Als meine Frau und ich 2017 von Rolfs schwerer Krankheit vernahmen, kam es zu einer nachdenklicheren Form der Geselligkeit. Wir trafen uns wiederum abwechselnd und über Corona hinweg; Rolf war immer daran gelegen, dass seine Krankheit nicht im Zentrum stand. In dieser Zeit entdeckte ich ihn zufällig auf einem Bild der Frankfurter Fotografin Barbara Klemm in einer Ausstellung des Museums Giersch der Goethe-Universität: inmitten einer Demo-Front für Angela Davis in den 1970er Jahren, lachend, eine Zeitung in den Händen. Wir sahen uns regelmäßig, etwa im idyllischen Garten des Liebig-Hauses, bis wir ihn nur noch zuhause besuchen konnten. Zuletzt Ende April 2025. Wir nahmen Abschied von ihm in der Stille seiner Bibliothek.
Stille herrscht auch im »im Gebirg« des schweizerischen Davos. Ich habe mit Rolf nie über Thomas Manns Zauberberg gesprochen, selbst nicht mehr 2024 anlässlich des 100. Jahrestags seines Erscheinens. Die Literaturwelt feierte den Roman nahezu einhellig als Roman der Stunde, jedenfalls als Roman einer Zeitenwende, in der sich nun auch Rolfs Leben seinem Ende zuneigte. Verschiedentlich sprachen wir über unsere Bücher und Bibliotheken, unsere Frauen schlugen eine allmähliche Sichtung und Lichtung vor, Rolf und ich wollten dagegen noch an jedem rororo-Bändchen aus den 1960er Jahren mit seinen bleiernen Buchstabenwüsten festhalten. Zu seinem 60. Geburtstag 2011 im Frankfurter Haus am Dom schenkte ich ihm George Steiners Meine ungeschriebenen Bücher. Steiner hätte gerne eines über Invidia, also über den Neid mit seinem bösen Blick, geschrieben. Rolf schrieb es.
Rolf Haubl starb in den Wirren einer historischen Zäsur, in der ein Krieg, dieses – so Thomas Mann abschließend – »Weltfest des Todes«, die freie demokratische Welt in eine Art Geiselhaft genommen hat, der sie nur mit ihren eigenen Waffen wieder entkommt. Die bedrohte Freiheit vergisst dabei die wichtigste Frage nicht: »Wird auch aus diesem Weltfest des Todes, auch aus der schlimmen Fieberbrunst, die rings den regnerischen Abendhimmel entzündet, einmal die Liebe steigen?« Das sollten sich acht Jahre später in anderen Worten auch Freud und Albert Einstein fragen, als sie in ihren Dialog über Ursachen und Verhütung von Kriegen traten. Doch Freud legte bereits 1915 seine illusionslose Antwort am Schluss von Zeitgemäßes über Krieg und Tod vor: »Wenn du das Leben aushalten willst, richte dich auf den Tod ein«, seine Abwandlung der altrömischen Devise »Wenn du den Frieden erhalten willst, so rüste zum Kriege.« Um eine Zukunft im Zeichen des Eros wird dennoch weiter gerungen. Doch muss dabei gegen das grausame Weltfest des Todes die Würde eines individuellen Sterbens verteidigt werden. Thomas Mann wünschte sich für sein Hauptwerk, »daß es lebensfreundlich ist, obwohl es vom Tode weiß.« Sich auf den Tod einrichten erfordert den selbstbestimmten oder schicksalhaften Umweg über das Leben. Für Hans Castorp, den jungen Protagonisten mit offenem Schicksal im Schlamm des Krieges, führt der Umweg in eine existenzielle Grenzsituation des Geschehens. Er verirrt sich einmal im Schneesturm und verfiel in ein traumhaftes Delirium am Rande eines Kältetodes. Er rettet sich aus ihm mit der Eingebung einer neuen Lebensbejahung: »Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken. Und damit wach‘ ich auf … «
Ich bin sicher, Rolf meinte genau dies, als er vor einem unserer Treffen ankündigte, wir müssten ja nicht immer über Krankheiten reden.
